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Werk von Carine Kraus, Foto. Saarländisches Künstlerhaus

Die Lust am Augenblick

Das Saarländische Künstlerhaus zeigt neue Arbeiten der Luxemburgerin Carine Kraus

Noch immer sind zeitgenössische luxemburgische Künstler im Saarland kaum bekannt. Schon deshalb lohnt sich ein Besuch im Künstlerhaus, das derzeit einer der wichtigsten Protagonistinnen der Kunstszene des Nachbarlandes eine Einzelausstellung widmet. Bei ihrer letzten Ausstellung im Saarland malte Carine Kraus noch abstrakt und schwelgte mit Konstruktiv-konkreter Kunst in Farbe und Form. Lange ist das her. Seit einigen Jahren malt sie figurativ und hat einen ganz eigenen Malstil gefunden.

Kraus malt realistisch, aber mit einer diffusen Weichheit, die den Bildern eine geheimnisvolle Aura verleiht. Die Sujets lösen sich in einem leichten Nebel auf, wirken oft gleichsam verwischt und suggerieren so Bewegung. Meisterhaft ist „Gianfranco 4“, das einen Tänzer in weißer Leinenkleidung zeigt, der mit ausgebreiteten Armen über eine Bühne wirbelt. Künstler stehen oft im Mittelpunkt der Gemälde. Meist sind es intime Momente, die auf den Bildern verewigt sind. Flüchtige Augenblicke, die wie eingefroren scheinen.

Grundlage für die Gemälde sind Fotografien, doch von fotografischem Realismus sind sie weit entfernt. Gesichter sind nie erkennbar. Entweder sind sie nur angedeutet oder der Ausschnitt ist so gewählt, dass die Gesichter außerhalb des Bildraumes liegen. Oftmals drehen die Protagonisten dem Betrachter den Rücken zu. So rückt die menschliche Figur in den Fokus, wird aber ihrer Individualität beraubt.

Tritt man an die Leinwand heran, erkennt man, dass die Bilder aus kaum sichtbaren Schichten von Lasuren in zarten Farbtönen aufgetragen wurden und sich nur gelegentlich an Formgrenzen verdichten. Die Farbe liegt s wie Puder auf der Leinwand und die Strukturen des Gewebes bleiben sichtbar.

Durch die kaum ausgearbeiteten Hintergründe entziehen sich die Bilder jedem Gefühl für Raum oder Zeit. So rücken andere Elemente in den Mittelpunkt: Bewegung, Haltung und Körpersprache erzählen kleine Geschichten. Die Lust am Augenblick ist Kraus’ Antrieb.

Im Studio tobt sich Lisa Marie Schmitt aus. Schmitt ist Meisterschülerin bei Georg Winter an der HBK Saar. Sie ist vielmehr eine Poetin als bildende Künstlerin. Ihre Videos und Installationen leben von Sprache und Rhythmus. In einem nüchternen Duktus spricht sie in ihren Videos Texte, die vor dem inneren Auge des Betrachters eine Szene entstehen lassen, die die Bildsprache in Frage stellen. Irritiert muss sich der Besucher auf Bild und Ton einlassen und sich seinen Weg durch den Wortdschungel bahnen. Ganz bewusst hintertreibt sie damit unsere Vorstellungen von künstlerischen Gattungen. Nicht einfach und oft herausfordernd, aber spannend.

Im studioblau zeigt das Künstlerhaus Videoarbeiten des Franzosen Clément Richem. Richem setzt sich mit den Prozessen von Leben und Vergehen, sowie Aufbau und Zerstörung ein. Im Zeitraffer baut der Franzose Landschaften und Städte aus Lehm, Sand und Pflanzen auf und lässt sie zugrunde gehen.

Bis 22. Oktober 2017, Saarländisches Künstlerhaus, Saarbrücken

Jenseits aller Limitierungen

Die Galerie Zimmerling & Jungfleisch zeigt Arbeiten ihrer Künstler, die am ArtWalk beteiligt sind.

Der ArtWalk ist fertig. Das war wohl die wichtigste Botschaft der Vernissage am vergangenen Samstag in der Saarbrücker Galerie Zimmerling & Jungfleisch. Grundidee des Projekts ist die Gestaltung von zwölf Hauswänden durch fünfzehn renommierte Urban-Art-Künstler in der Innenstadt Saarbrückens. Ab Herbst sollen diese dann zu einem Kunstspaziergang vernetzt werden. Nachdem die Galerie Neuheisel bereits vor einigen Wochen ihre beteiligten Künstler vorgestellt hat, ist nun die Galerie im Quartier am Eurobahnhof an der Reihe. Auch wenn die Gruppenschau dieses Mal nicht so richtig harmonisch wirkt, ist die Ausstellung empfehlenswert. Es besteht nämlich die seltene Möglichkeit, bei einem Spaziergang durch die Stadt die Werke von Street-Art- und Graffiti-Künstlern im urbanen Raum zu sehen und dann in der Galerie ihre Wandlung zu Leinwand-Akteuren zu verfolgen, die sich von den Limitierungen ihrer ursprünglichen Kunst befreit haben.

Werk von Stohead, Foto. Galerie Zimerling & Jungfleisch

Werk von Stohead, Foto. Galerie Zimerling & Jungfleisch

Da ist Alexey Luka, der neben der Skizze zu seinem Werk an der Garage auch eine Assemblage zeigt, die seine Arbeit in die dritte Dimension wachsen lässt. Oder LX.One, der gemeinsam mit Remi Rough ein Haus an der Ecke Försterstraße/Cecilienstraße verschönert hat. Seine flirrenden Drucke sind weit besser, als es die Hauswand je sein könnte. Genauso wie Roughs atemberaubende Sprühlackarbeiten auf ungrundierter Leinwand und Büttenpapier, die mit Licht und Schatten, Farbe und Raum spielen. Noch offensichtlicher wird das bei Stohead, der gleich mehrfach mit seinen rauchigen Farbverläufen vertreten ist, die sich auf einer Wand kaum umsetzen lassen. Neben der Leinwand nutzt Stohead auch Transparentpapier als Malgrund, das die Farben aufleuchten lässt. Hausherr Reso alias Patrick Jungfleisch verabschiedet sich von der Ambivalenz aus kühler Ästhetik und dynamischer Emotionalität der scharfkantigen Tags und geht zu einer gestischen Malerei über, deren emotionaler Charakter deutlich leichter zu lesen ist, als die für viele doch sehr verrätselt wirkenden Schriftzeichen seines Künstlernamens, die inzwischen auf der Rückwand der Hochschule für Musik prangen.

Außerdem mit dabei ist Heiko Zahlmann, der skulpturale Objekte aus Leichtbeton nach Saarbrücken geschickt hat und Sen2 der neben einer für ihn typisch gegenständlichen Arbeit auch das wunderbare abstrakte Gemälde „Pasivo Infinito“ zeigt, die aber beide nicht mit dem Wandbild im Kaiserviertel mithalten können. Er ist einer der Künstler, dessen Arbeiten erst als Interventionen im öffentlichen Raum ihre Strahlkraft entfalten. Da Fintan Magee leider keine Arbeiten aus Australien im Gepäck hatte und sich lieber ganz auf seine gerade fertig gewordene Wand in der Mainzer Straße konzentrieren wollte, haben die Kuratoren entschieden, noch einige Werke von L’Atlas und Tanc aufzunehmen. Deren Arbeiten sind allerdings schwächer als die meisten Werke der ArtWalk-Künstler, weil auch ihre Arbeiten erst an einer Wand richtig zur Geltung kommen.

Open Walls, bis 25. November, Galerie Zimmerling & Jungfleisch, Saarbrücken; Informationen zum ArtWalk unter artwalk.saarland

Radier’ oder krepier’

Das KuBa in Saarbrücken zeigt in einer außerordentlichen Ausstellung Werke von Otto Lackenmacher

Obwohl Otto Lackenmacher zur goldenen Nachkriegsgeneration der saarländischen Kunst gehört, ist sein Werk nur eingefleischten Kennern und Sammlern ein Begriff. Vielleicht weil er nicht zu der der Abstraktion zugewandten „neuen gruppe saar“ um Boris Kleint gehörte, sondern sich ganz der Figur verschrieben hatte und sich damit gängigen Strömungen der Nachkriegskunst widersetzte.

Liebespaar, 1987; © Otto Lackenmacher, Foto: Peter Riede

Liebespaar, 1987; © Otto Lackenmacher, Foto: Peter Riede

Lackenmacher hatte bei Frans Masereel studiert und blieb dem Lehrer stilistisch lange treu. Deutlich wird das insbesondere bei den Linolschnitten der 1940er- und 1950er-Jahre, die sich mit ihrer Flächigkeit und den dicken Umrisslinien stark an Masereel orientieren. Schon früh zeigte der Künstler dabei eine erstaunliche Reife. Die Ausgegrenzten waren bestimmendes Bildthema. Einsamkeit, Schmerz und Leid sind allgegenwärtig, wie auch bei seinem Vorbild Goya. Kurator Andreas Bayer zeigt mit der Kreuzigungsszene „Golgatha“ von 1947 und einer Straßenszene von 1949 zwei außergewöhnliche Werke aus dieser Zeit.

Die Ausstellung versammelt auch einige Gemälde aus dem Frühwerk. Alle sind Porträts von Frauen. Mit kurzem und breiten Pinselstrich sind sie in expressionistischer Farbgebung auf die Leinwand gebracht worden – mal pastos, dann wieder so dünn, dass das Gewebe des Malgrundes erkennbar bleibt. Es sind wunderbar zarte Gemälde von fast betörender Schönheit.

Zeit seines Lebens war Lackenmacher ein Getriebener. Der Vater starb früh, mehrfach war er in Kinderheimen unterbracht. So war es vor allem eine stetige Suche nach Nähe, die den Künstler antrieb. Diese Sehnsucht trieb ihn in den Alkohol und in das Rotlichtmilieu. Als er sich Mitte der 1960er Jahre der Grafik verschrieb, wandelten sich die Inhalte seiner Bilder. Sein Werk ist stark erotisch aufgeladen, nicht selten spielte der Saarländer mit der Nähe zur Pornographie. Lackenmachers Lebenswirklichkeit rückte in den Mittelpunkt. Oft spielte dabei die schonungslose Selbstinszenierung eine Rolle. Um ihn herum das, was sein Leben bestimmte: die Frauen und der Alkohol. Wie zerrissen Lackenmacher zwischen Liebe und Sexualität war, zeigt eine Radierung, in dessen Mittelpunkt seine Lebensgefährtin Edna Schmidt mit der gemeinsamen Tochter sitzt. Um sie herum Szenen aus dem Alltag von Prostituierten. „Radier’ oder krepier’“ wurde zum geflügelten Wort Lackenmachers und tatsächlich gewinnt man den Eindruck, Lackenmacher habe um sein Leben gezeichnet.

In den 1980er Jahren kehrte er zurück zur Malerei. Diese Bilder sind sanfter als die Grafiken, auch wenn sie ein erotisches Moment behalten. Doch den Bildern fehlt es oft an Kraft und Ausdruck. Nur manchmal blitzt das Genie auf, wie etwa in dem Bild „Liebespaar“ aus dem Jahr 1987, das ein ineinander verschlungenes Paar in goldenen Farben leuchten lässt. Unschwer lässt sich erkennen, dass es sich bei dem Mann um Lackenmacher handelt, der mit einer Frau nackt und eng umschlungen auf einem Bett sitzt. Es war eines seiner letzten Werke.

Die gezeigten Arbeiten stammen aus der Kunstsammlung des Saarlandes und wurden um private Leihgaben ergänzt. Trotz des sehr begrenzten Raumes hat es Bayer geschafft, eine sehenswerte und stimmige Ausstellung zu konzipieren, die den Besucher in den Kosmos von Lackenmacher entführt.

Otto Lackenmacher. Malerei und Graphik, bis 15. Oktober 2017, Galerie im KuBa, Saarbrücken

Gemalt, gestapelt und erfahrbar gemacht

Russell Maltz und François Martig sind in der Stadtgalerie Saarbrücken zu Gast

Ein Umbau in der Stadtgalerie? Im Innenhof stapelt sich Baumaterial. Etwas merkwürdig nur, dass einige der Rohre, Latten und Steine neongelb leuchten. Und drinnen geht es weiter. In einem der hinteren Räume ein ähnliches Bild, nur dass es hier ein grelles Pink ist. Ist das Kunst oder kann das weg?

Beides sind Werke des US-Amerikaners Russell Maltz und tatsächlich können die nach Ausstellungsende weg. Der Abbau und die anschließende Verwertung als Baumaterial ist Teil des Konzeptes und ein wichtiger dazu. Maltz sieht sich als Maler und seine Arbeiten als temporäre künstlerische Interventionen im (öffentlichen) Raum. Die sehenswerte Ausstellung „Russell Maltz: Painted – Stacked – Suspended“ ist fast schon eine kleine Retrospektive, weil sie aktuelle Arbeiten zeigt, aber den Besucher auch mitnimmt zu den Anfängen und so deutlich macht, dass der Maler seine Wurzeln in der Konkreten Kunst hat. Das beweisen Arbeiten aus den 1980er-Jahren, in denen sich Maltz vor allem von Farbe und Material leiten ließ und viel mit Stapelungen und Schichtungen arbeitete. Doch zum Ende der Dekade wandte sich der Künstler vom Spiel mit dem Material ab und begann abstrahierende Elemente in seiner Arbeit einfließen zu lassen. Die Serie „Ball Park“ ist eher als Abstraktion denn als Beitrag zur konkret-konstruktiven Kunst zu sehen, denn man erkennt hier den Ansatz des Künstlers, das Grün und Weiß des Sportfeldes aufzunehmen und zu zersplittern. Der Titel weckt sofort die Assoziation und damit geht das konstruktive Element verloren. In den letzten 20 Jahren spielte Maltz immer wieder mit den Grenzen von konkreter und abstrakter Kunst und von Skulptur, Installation und Malerei. Diese Entwicklung gipfelt in den Neon-Assemblagen der jüngsten Zeit.

Das ist keine leicht zugängliche Kunst. Man muss sich dafür Zeit nehmen und ganz darauf einlassen. Stadtgalerie-Leiterin Andrea Jahn hatte keine leichte Aufgabe, hat es aber verstanden, diesen spröden Kunstansatz zu vermitteln. Das ist auch Dank der Leihgaben von Privatsammlern möglich geworden, denn ohne die frühen Werke wäre die ohnehin komplexe Ausstellung in der Vermittlung deutlich schwieriger.

Etwas leichter hatte es da Kamila Kolesniczenko, die als wissenschaftliche Mitarbeiterin der Stadtgalerie ihre erste Ausstellung eigenverantwortlich kuratierte. Sie zeigt Arbeiten von François Martig, der im Dezember den SR-Medienkunstpreis erhielt. Der 1978 geborene Belgier ist ein Multitalent. Er arbeitet mit Fotografie, Dokumentation, Videos und (Sound-) Installationen. Musik, Töne und Geräusche spielen in den Arbeiten eine zentrale Rolle. In „Gas Place“ lässt er die Besucher andächtig ein Häufchen Erde anstarren. Dabei lauscht man einer polnischen Sprecherin, die in holprigem Englisch erzählt, was es mit dem schwarzen Erdreich auf sich hat. Es ist kontaminierte Erde von den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs bei Verdun. Sie stammt von einer Lichtung, auf der Munition und chemische Kampfstoffe entsorgt wurden.

Martig betont, dass er keine Objekte schaffen, sondern zum Nachdenken anregen möchte. Die Stärke der Arbeiten ist ihr subtiler Umgang mit dem Grauen. Der Künstler stellt nicht das Leid der Menschen durch den Krieg dar, sondern macht es indirekt erfahrbar. So wird die Erde zum Fanal gegen die Schrecken des Krieges.

In der Auseinandersetzung mit der Geschichte von Landschaften und durch überraschende Verknüpfungen schafft der Belgier Erfahrungsräume, die ganz unterschiedliche Sinne ansprechen und dabei historische, politische und ökologische Aspekte reflektieren. Das tut er mit hohem ästhetischem Reiz, Vielschichtigkeit und wissenschaftlicher Akribie.

Russell Maltz: Painted – Stacked – Suspended und François Martig: Hypo-Landscapes: Politics of Battlefields, bis 27. August 2017, Stadtgalerie Saarbrücken

Fiebrige Linien und verschlucktes Blau

Die Saarbrücker galerieampavillon in der Mainzer Straße zeigt eine retrospektive Ausstellung zu Hermann Theophil Juncker

Die Kunstgeschichte der Nachkriegszeit wurde im Saarland vor allem von der „neue gruppe saar“ bestimmt. Für die Künstler abseits der Konkreten Kunst blieb in der Öffentlichkeit nur wenig Platz und so sind ihre Namen bis heute oft nur Kennern der regionalen Kunstszene ein Begriff. Dazu zählt auch Hermann Theophil Juncker.

Juncker wurde 1929 in Ludwigshafen geboren und kam 1931 in das Saarland, als der Vater eine Stelle als Religionslehrer in Homburg antrat. Vater Franz, selbst Maler, prägte den Filius und förderte ihn früh. Von 1950 bis 1954 studierte Juncker an der Kunstakademie Karlsruhe bei Otto Laible und Erich Heckel. In den 1950er Jahren malte er noch stark gegenständlich und im Stil der Expressionisten, versank dann kurz im Kubismus und fand schließlich seinen eigenen Stil. Die Linie wurde zum bestimmenden Element seiner Arbeit. Die Form vollendet sich bei Juncker aus dem Strich, der ohne zur Schraffur zu werden auf dem Blatt kumuliert. Trotz der Gegenständlichkeit der Bilder bleiben diese nahe an der Abstraktion und obwohl gerade den Grafiken etwas Skizzenhaftes anmutet, sind es fein austarierte dynamische Netzwerke.

Hermann Theophil Juncker, Seemannsgarn 2010, Öl auf Leinwand, Foto: Hans Karl Reuther/galerieampavillon

Hermann Theophil Juncker, Seemannsgarn 2010, Öl auf Leinwand, Foto: Hans Karl Reuther/galerieampavillon

Die Form muss der Betrachter erahnen und sich von Assoziationen und Interpretationen leiten lassen. Es sind Ansichten urbaner Landschaften, Schiffe und menschliche Figuren, die Junckers Bilder bestimmen. Besonders stark sind die Radierungen, von denen Galerist Hans Karl Reuther einige der schönsten Exemplare zeigen kann, die die ganze Bandbreite von Junckers Schaffen aus den letzten 50 Jahren offenbaren. Einige der schwarzweißen Radierungen wurden farbig zart nachaquarelliert und setzen Akzente ohne das Filigrane der Werke zu zerstören.

Ganz anders sind die neueren Gemälde, die als wuchtige Bekenntnisse zu Farbe und Material daherkommen. Wie etwa „Bleu mourant“ (2012) in dem das Blau tatsächlich zu verschwinden scheint, weil es von einem Nebel aus Weiß geschluckt wird. In „Maritim“ (2016) schweben Balletttänzerinnen geisterhaft über eine quadratische Bühne. Es könnten aber auch Fische sein, die sich da im Blau des Meeres tummeln. Der Titel impliziert zwar die zweite Deutung, doch ganz sicher dürfe man sich da nicht sein, verrät Reuther, denn die Titel vergebe der Künstler eher intuitiv.

Die Ausstellung zeigt einen breiten Überblick über das Schaffen Junckers und präsentiert zahlreiche Grafiken, Tuschezeichnungen und Gemälde gleichberechtigt nebeneinander. Eine kleine Sensation ist die Plastik auf dem Fensterbrett der Galerie, denn Juncker hat nur sehr wenige bildhauerische Werke geschaffen.

Hermann Theophil Juncker. Panta Rhei, galerieampavillon, Mainzer Straße 100, Saarbrücken, bis 13. Mai 2017

Foto: Hermann Theophil Juncker, Seemannsgarn 2010, Öl auf Leinwand, Foto: HansKarl Reuther/galerieampavillon

SAARART 11 gestartet

Am 28. April 2017 startet die 11. Landeskunstausstellung im Saarland. Ein erster Überblick.

Die ehemalige Lehrwerkstatt des Eisenbahnausbesserungswerks im Saarbrücker Stadtteil Burbach ist ein schöner Ziegelsteinbau mit hohen Fenstern. Das Gebäude thront an einem Hang über dem Ausbesserungswerk,von dem nur die denkmalgeschützten Gebäude geblieben sind. Die riesige Gleisharfe musste Platz machen für Gewerbeansiedlungen, die allerdings auf sich warten lassen. Auch die riesige Werkstatthalle steht noch leer und wartet auf eine Wiederverwendung. Weil die Moderne Galerie des Saarlandmuseums gerade geschlossen ist und sich für die große Wiedereröffnung im Herbst aufhübscht, musste Kuratorin Cornelieke Lagerwaard sich nach einem Ersatz für die 11. Landeskunstausstellung umsehen. Sie besuchte mit ihrem Team auch die Lehrwerkstatt und war sofort begeistert. Die große Halle bietet genügend Raum und nahezu ideale Lichtverhältnisse in einem industriegeschichtlichen Ambiente. Einziger Wermutstropfen: Von den rund 430.000 Euro Gesamtbudget verschlang die Halle rund 130.000 Euro. Alleine die extra angefertigten Stellwände kosteten 80.000 Euro. Die sind zwar nicht verloren, weil sie zukünftig von den Kunstinstitutionen des Landes genutzt werden können, fraßen aber ein gehöriges Loch in den Etat.

Neben Burbach sind auch Ausstellungen an elf weiteren Orten im Saarland und in der Saarländischen Galerie in Berlin zu sehen. Dazu zählen: die Schlosskirche in Saarbrücken, die Stadtgalerie das Saarländische Künstlerhaus, das Kulturzentrum am EuroBahnhof, das Pingusson-Gebäude (ehemaliges Bildungsministerium), die Städtische Galerie Neunkirchen, das Museum Haus Ludwig in Saarlouis und das dortige Forschungszentrum für Künstlernachlässe, die Völklinger Hütte und das Museum St. Wendel. Insgesamt werden mehr als 100 Werke von 91 KünstlerInnen gezeigt. Alle Ausstellungen sind für die BesucherInnen kostenfrei.

Blick auf die Ausstellungsituation

Die Kuratorin hat kein festes Konzept. Wie bei jeder Landeskunstausstellung war auch hier die Vorgabe, dass die Künstler einen festen Bezug zum Saarland haben müssen, also hier geboren sind, hier studiert oder länger gearbeitet haben oder hier leben. Lagerwaard wollte das künstlerische Potenzial der region aufziegen udn das möglichs tin seienr ganzen Breite. Ein zusammenhängendes Thema hatte Lagerwaard nicht im Kopf. Für sie war wichtig, dass die einzelnen Ausstellungen funktionieren und die Werke miteinander kommunizieren. Im Ausbesserungswerk Burbach hat sie vor allem konkrete und expressive Kunst versammelt. Im Künstlerhaus sind eher dokumentarische werke ausgestellt, in Merzig ist das Thema Traum ein Oberbegriff, in Neunkirchen Menschenbilder, in St. Wendel Poesie, im haus Ludwig die Gesellschaft. Etwas Besonderes ist der Pingusson-Bau, Hier sind nicht arrivierte Künstler am Start, sondern Studierende der HBK und ihre Professoren. Sie beschäftigen sich mit dem leerestehenden Gebäude, das kaum wie ein zweites für eine Idee von Europa steht.

Im Rahmen der Pressekonferenz am 24. April 2017 führte Lagerwaard durch die fast fertige Ausstellung in der temporären Kunsthalle in Burbach. Man kommt nicht umhin recht schnell festzustellen, dass die Halle tatsächlich ideal zur Präsentation von Kunst ist und das Saarlandmuseum durchaus würdig vertritt. Die hohe Halle wurde durch weiße Stellwände und Wandverkleidungen in einen White Cube verwandelt und bietet ein Labyrinth mit immer neuen Blick auf die Kunst. So entsteht mal ein Zusammenspiel, das die Werke zum klingen bringt und ein anderes Mal ein bewusster Bruch.

Das Licht fällt durch die hohen Fenster fast ideal. An den Stirnseiten führen Treppen in höher gelegene Seitenräume, die ebenfalls als Ausstellungsfläche dienen. Hier findet sich dann auch schon ein kleines Highlight. Philipp Neumann hat hier einen Pool mit schwarzem Wasser aufgebaut. Der suggeriert nicht nur unendliche Tiefen, die schwarz schimmernde Oberfläche spiegelt den Betrachter und die Umgebung. Ein weiteres Highlight ist die Arbeit von Gregor Hildebrandt. Der hat eine schier unendliche Anzahl von Kassettenhüllen gestapelt und zeigt ein fragmentiertes sehr zartes Unterwasserbild eines Schwimmbades. Es dürfte eine der stärksten Arbeiten der Ausstellung sein. Aber auch sonst können Werke und Zusammenstellung durchaus überzeugen. Unter den Ausstellenden sind klangvolle Namen wie Arvid Boecker, Werner Constroffer, Nikola Dimitrov, Daniel Hahn (Raks) Lukas Kramer, Horst Linn, Werner Bauer Dirk Rausch Stoll & Wachall und Claudia Vogel. Anschauen lohnt sich also!

Weitere Berichte und Rezensionen zu den Ausstellungsorten werden folgen!

Bis 2. Juli 2017. Zur SaarArt 11 wird es ein umfassendes Begleitprogramm geben. Mehr unter http://saarart11.de. Am 14. Mai erscheint außerdem ein Katalog.

Auf der Suche nach dem Ich

Die Saarbrücker Galerie Neuheisel zeigt Werke von Urban-Art-Künstler Cone The Weird

Sein Markenzeichen sind die überlangen Extremitäten. Mit tentakelhaften Fingern und großen Schuhen schlängeln sich Arme und Beine um die sitzende, stehende oder liegende Person. Im Mittelpunkt steht meist der Künstler selbst. Cone The Weird, der eigentlich Colin Kaesekamp heißt, macht sonderbare Bilder – wie schon der Beiname „The Weird“ verheißt. Der stammt vom gleichnamigen Künstlerkollektiv, indem Cone Mitglied ist. Ihr gemeinsames Markenzeichen sind skurrile Figuren, die an Underground-Comics und Graphic Novels erinnern.

Die Galerie Neuheisel zeigt derzeit in der Ausstellung „Come closer and leave me alone“ neue Arbeiten des gebürtigen Münchners. Längst sind Wände und Sprühdosen nicht mehr sein bevorzugtes Metier. Auch wenn die Anlehnung an Graffiti und Street-Art wahrnehmbar ist und den unverkennbaren Stil aus feinen Strichzeichnungen ergänzt, sind die meisten seiner Werke schwarzweiße Tuschezeichnungen auf Papier.

In den neuen Arbeiten rückt die Person kompositorisch in den Vordergrund. Die überbordenden Wimmelbilder der letzten Jahre sind selten geworden. Neben der Hauptfigur sind meist nur zwei oder drei Dinge im Bild. Trotzdem ist die ganz eigene surrealistische Bildsprache erhalten geblieben, in der viele Bedeutungsebenen verschmelzen. Da ist der einäugige Wecker, dessen Zeiger ein Eigenleben entwickeln und ähnlich durch den Bildraum schlackern, wie es die Arme und Beine des Helden tun. Bleistifte, Gehirne und Augen schwimmen durch das Bild. Neu sind die dicken Linien, die sich durch den Bildraum winden und an abstrakte Graffitis erinnern. Immer häufiger trägt die Hauptfigur skurrile Masken.

Die Bildwelt des Künstlers dreht sich nach wie vor um ihn selbst. Seine Werke sind immer eine Erforschung des eigenen Ichs. Cone ist aber kein narzisstischer Selbstdarsteller, vielmehr hinterfragt er sich, seine Umwelt und sein Tun. Durchaus ernsthaft betreibt er das, aber immer mit einer großen Portion Humor und Selbstironie. Aber auch richtig gut, weil es nicht nur unterhält, sondern den Betrachter auf eine visuelle und gedankliche Reise schickt.

Man sollte sich davor hüten, die Bilder schnell entschlüsseln zu wollen. Ein deutlicher Fingerzeig darauf ist „The Hideout“ (Das Versteck), das auch als Motiv für das Ausstellungsplakat dient. Da joggt ein Cone durchs Bild und hält sich mit den Spinnenfingern eine Ziegelsteinwand vor das Gesicht. Darauf prangt ein gesprühter Smiley. Doch wie es wirklich in dem Wahlsaarländer aussieht und welche Miene er zieht, bleibt sein Geheimnis.

Neben vielen neuen Arbeiten sind auch ein paar ältere aus den Jahren ab 2014 zu sehen. Ein paar Raritäten gibt es auch, wie etwa eine Arbeit, die mit dem Laser auf eine Holzplatte gebrannt wurde. Überraschend ist der kreative Ausstoß von Cone. Die meisten der 38 Arbeiten entstanden 2017. Dabei ist das Jahr gerade mal drei Monate alt.

Cone The Weird, Come closer and leave me alone, bis 29. April 2009, Galerie Neuheisel, Saarbrücken

Walter Bernstein, Hohlstraße Neunkirchen, Gemeinde Schiffweiler

Sichtwechsel beim Schichtwechsel

Die Ausstellung „Schichtwechsel“ im Schloss Dagstuhl begeistert mit kluger Zusammenstellung

Dass es so gut werden würde, überrascht dann doch. Als das Leibniz-Zentrum für Informatik, die Hochschule der bildenden Künste Saar und Saartoto im vergangenen Jahr ihre Zusammenarbeit bekanntgaben, konnte man höchstens erahnen, welche Qualität die Ausstellungen haben könnten. Das Leibniz-Zentrum wollte seine Räumlichkeiten zur Verfügung stellen, das Lotto-Unternehmen seine umfangreichen Kunstbestände und die HBK Saar ihr Wissen um die Präsentation von Kunst und die Arbeiten junger Künstler. Gerade wurde mit „Schichtwechsel“ die zweite Ausstellung eröffnet und schon jetzt darf man die Menage à Trois als gelungen bezeichnen.

Das liegt durchaus auch am Ort der Präsentation, den die Kuratorin Nadine Brettar perfekt zu nutzen weiß. Der Wandelgang mit Glasfront zum Innenhof eignet sich wunderbar für die Kunst. Zumal man mit dem Seminarzentrum einen Ort hat, an dem sich täglich Menschen aus aller Welt begegnen und damit saarländische Kunst einem Publikum weit über die Landesgrenzen hinaus präsentiert werden kann.

Der Erfolg liegt natürlich auch an den hervorragenden Exponaten aus den Beständen von Saartoto. Ausgangspunkt sind dieses Mal allerdings Werke von Walter Bernstein (1901–1981) aus der Sammlung der Gemeinde Schiffweiler. Die saarländische Bergbaulandschaft, die Auswirkungen der Montanindustrie auf die Menschen und deren Lebensraum sowie die Transformation der Region nach dem Ende des Bergbaus stehen als künstlerisches Sujet im Fokus der vier Kapitel von „Schichtwechsel“. Da liegt es nahe, Bernstein als einen der eifrigsten Chronisten des Saarlandes nach dem Zweiten Weltkrieg zu zeigen. Der Maler gewährt mit seinen expressionistischen Werken einen tiefen Einblick in Land und Leute. Sein Malstil ist unverwechselbar. Häufig betont er bei den von Bergbau und Montanindustrie geprägten Landschaften durch unterschiedlich dicken Farbauftrag und durch die Vervielfältigung von parallelen Linien industriearchitektonische Elemente. Dadurch gewinnen seine Bilder an Dynamik und Ausdruck. Nicht selten tastete er sich mit kurzem Pinselstrich vor bis an die Grenze zur Abstraktion.

Ergänzt werden Bernsteins Arbeiten von Druckgrafiken seines Zeitgenossen Helmut Oberhauser, der mit seinen groben Linolschnitten einen Fokus auf den Menschen und seine unmittelbare Arbeitswelt legte. Aus den Beständen von Saartoto stammt neben Oberhausers Drucken auch die von der Homburger Galerie m beck 1996 aufgelegte Mappe mit zarten Grafiken der Künstlerinnengruppe Saar zum Thema „Völklinger Hütte“. Dazwischen finden sich immer wieder Arbeiten von Studierenden und Gästen der Saarbrücker Kunsthochschule. Sie bringen mit neuen Techniken Abwechslung in die Ausstellung. Neben einem Video und einer Soundinstallation ist das auf einer korrodierten und bemalten Metallplatte entstandene Werk von Helga Elsner bemerkenswert, weil es Material und Thema perfekt vereint. So beweist die Ausstellung nicht nur den künstlerischen Schichtwechsel, sondern ermöglicht auch einen Sichtwechsel und neue Perspektiven.

Besichtigung nach Voranmeldung unter 06871/9050; Öffnungszeiten Mo.–Do 9–16 Uhr, Fr. 9–14 Uhr

„Schichtwechsel“, bis 12. Mai 2017 Schloss Dagstuhl, Wadern

Glueckspilze - Komposition mit Fliegenpilz - 2012© François Besch

Der Knipser im Fotografen

Für seine Smartphone-Fotos erhielt der Luxemburger François Besch am vergangenen Sonntag den 8. Monika-von-Boch-Fotopreis

Kann man mit einem iPhone künstlerisch wertvolle Fotos schießen? Das dürfte wohl die spannendste Frage sein, wenn man sich die aktuelle Ausstellung „François Besch, Hipstamatics“ im Museum Schloss Fellenberg in Merzig anschaut, die am Wochenende mit der Verleihung des 8. Monika-von-Boch-Preises an den Luxemburger Künstler startete.

Besch gilt als so etwas wie ein Pionier in der Smartphone-Fotografie. Mit dem Erscheinen des iPhone 4 von Apple im Jahr 2010 war die Auflösung der Kamerasensoren in den Handys endlich hoch genug, um an künstlerische Fotografie denken zu können. Sofort begann der Fotograf mit dem Handy zu arbeiten.

Mit dem Smartphone sind die künstlerischen Möglichkeiten begrenzt. Ein Spiel mit Tiefenschärfe und Licht ist nicht möglich. So ist vor allem die Motivwahl entscheidend. Der 1963 geborene Besch begann mit Schnappschüssen des Stadtlebens in Schwarzweiß. Die Reihe „Street Phoneography“ zeigt alltägliche Szenen aus dem urbanen Raum. Oftmals sind die Bilder geprägt von subtilem Witz, wie etwas in „Cultures“, in dem sich eine junge Muslima mit Kopftuch schminkt. Sie sitzt vor einer Reklametafel mit einer sich schminkenden Marilyn Monroe in Unterwäsche.

Um die Fotos weiterzubearbeiten, nutzt Besch die App „Hipstamatic“, die eines der ersten Fotobearbeitungsprogramme auf dem Smartphone war. Mit ihr kann er Filter über die Bilder schieben, Unschärfen, Dopplungen und Farbverläufe hinzufügen oder dem Bild einen Hauch des Vergilbens verpassen.

Die Serie „Glückspilze“ entstand 2012/13 und wurde von der Luxemburger Post für eine Briefmarkenserie angekauft. Die Pilzfotos waren nicht nur die weltweit erste Briefmarkenausgabe für die Smartphone-Fotos verwendet wurden, sie wurde 2014 auch als schönsten Briefmarkenserie des Jahres in Luxemburg ausgezeichnet. Wie Skulpturen scheinen sich die bildfüllenden Pilze aus dem Boden zu stemmen. Im selben Jahr entstand auch die Serie „Lonely Machines“, die Maschinenteile in Nahaufnahme zeigt.

In den ganzen Jahren aber blieb Besch dem Motiv der Landschaft treu und hier zeigt sich auch am besten der schmale Grat zwischen einfachem Knipser und Künstler. Besch versteht es meisterhaft, Stimmungen festzuhalten und durch die Filter zu verstärken. Besonders eindrucksvoll ist das im Tryptichon „Sommeridylle/Frankfurt aus 500 Fuß/Im Fluge“. Die Fotos zeigen einen Feldweg, Frankfurt aus der Luft und einen Blick in den Himmel mit Vögeln. Mit Filtern entstanden zarte Farbverläufe. Besch entschied sich dann für ein dickes Baumwollpapier mit einer an Bütten erinnernden rauen Oberfläche. Mit den perfekten Farben des Pigmentdruckverfahrens entsteht der Eindruck eines Aquarells.

Nicht jede der gezeigten Arbeiten ist so stark und nicht jedes Foto kann überzeugen. Manchmal ist das einfach zu nah am Schnappschuss. Erstaunlicherweise hat man dieses Gefühl gerade bei der hochgelobten Pilze-Serie. Da aber, wo Besch sein ganzes Können einbringt und es schafft, die experimentellen Eingriffe subtil aussehen zu lassen, überzeugt er und ist dann auch ganz nah an der „Subjektiven Fotografie“ von Otto Steinert und dessen Schülerin Monika von Boch.

François Besch, Hipstamatics, bis 23. April 2017, Museum Schloss Fellenberg Merzig

© Anja Niedringhaus / Associated Press, Privatbesitz, Courtesy Stiftung Situation Kunst, Bochum

Der andere Blick auf den Krieg

Die Stiftung Demokratie Saarland zeigt mehr als 50 Fotos der verstorbenen Kriegsfotografin Anja Niedringhaus

Als sich die Nachricht des Todes von Anja Niedringhaus am 4. April 2014 über die Newsticker verbreitete, war die Bestürzung groß. Vier schwere Verletzungen hatte die 48-jährige Kriegsfotografin in den letzten 20 Jahren erlitten und immer wieder war sie nach ihrer Genesung in die Kriegsregionen dieser Welt gezogen.
Niedringhaus arbeitete für die Nachrichtenagentur Associated Press (AP) im Irak, in Libyen, im Gazastreifen und in Afghanistan und war eine der wenigen Frauen in diesem Beruf. Sie reagierte ungehalten, wenn man sie darauf ansprach und doch fragt man sich beim Betrachten der Bilder in der noch von ihr konzipierten Ausstellung „At War“ – im Krieg –, ob ein Mann ähnlich vorgegangen wäre. Niedringhaus war mit großer Sensibilität unterwegs. Bilder von Toten vermied sie, von Verletzen machte sie meist nur Detailaufnahmen oder bat später um Erlaubnis für die Veröffentlichung.
Sensationslust war nicht ihr Antrieb. Das Grauen des Krieges ist bei ihr in den Gesichtern der Menschen lesbar. In ihren Arbeiten finden sich viele Alltagsszenen, die oft mehr sind als bloße Dokumentation des Krieges. Viele ihrer Bilder erzählen ganze Geschichten. Immer wieder geraten dabei auch die Soldaten selbst ins Blickfeld. Bei Niedringhaus sind sie keine Helden, sondern abgekämpfte junge Männer fernab der Heimat. Wie Außerirdische stapfen sie durch die karge Landschaft oder sitzen in staubiger Kampfmontur auf einem prachtvollen Sofa in einem irakischen Wohnhaus.
Nur selten war Niedringhaus als „embedded Journalist“ dabei, also unmittelbar mit Kampfeinheiten unterwegs. 2004 begleitete sie die US-Armee bei der Schlacht um Falludscha. Als erste deutsche Fotojournalistin bekam sie mit ihrem Team für diese Berichterstattung den Pulitzer-Preis. Ihr vielleicht berühmtestes Bild aus dieser Zeit zeigt einen US-Soldaten mit einer G.I.-Joe-Actionfigur als Talisman.
Der Grat zwischen Pressefotografie und Kunst ist schmal. Bei Niedringhaus ist das nicht der Fall. Fast jedes ihrer Fotos hat hohen künstlerischen Wert. Auch wenn ihr der Zufall und ein bisschen Glück in die Hände spielte, sind die Werke fein austarierte Kompositionen. Die Aktion findet fast immer im Bildmittelpunkt oder mit einer Bewegung dorthin statt. Viele Abbildungen sind durch Linien horizontal und vertikal gegliedert. Das bringt Ruhe in die oft dramatischen oder dynamischen Szenen und nimmt ihnen den ersten Schrecken.
Niedringhaus Fotos entstanden nicht in Serien, die sie dann zuhause sortierte und die besten Bilder heraussuchte. Sie wartete auf den richtigen Augenblick und drückte dann den Auslöser. Im Zeitalter der Digitalkameras ist das eine selten gewordene Arbeitsweise.
Längst sind viele von Anja Niedringhaus’ Fotos Ikonen der Kriegsfotografie. In einem ihrer letzten Interviews sagte sie auf die Frage, warum sie sich die Strapazen antue, sie wolle als Zeitzeugin das kollektive Gedächtnis mitprägen. Das hat sie erreicht.

Anja Niedringhaus: At War, bis 31. März 2017, Stiftung Demokratie Saarland, Saarbrücken